Ehrenamtliche Straffälligenhilfe in NRW









Erfahrungsberichte:

  • Warum gehe ich in den Knast? Von T. V.
  • Einen Menschen begleiten heißt, eine Beziehung riskieren. Von einer ehrenamtlichen Begleiterin
  • Ich gehe nicht ins Gefängnis. Von Frau M. B.

Gefangene in Untersuchungshaft
Die Untersuchungshaft wird als einschneidendes Ereignis erlebt - für manche ist es ein kurzes traumatisches Intermezzo, für viele der Beginn einer längeren Haftzeit. Der beengte Lebensraum fördert Aggressionen und Lethargie. Untersuchungsgefangenen fehlt momentan jegliche Perspektive, die Zukunft ist ungewiss, Angehörige lassen auf sich warten, Besuche sind stark kontingentiert. Daher resultiert der Wunsch nach möglichst viel Abwechslung! Grosses Interesse besteht üblicherweise an Kochkursen, (Kraft)Sport- und Kreativangeboten, Einzelbegleitungen und Gesprächsgruppen, die oft von Ehrenamtlichen durchgeführt werden.

Gefangene im geschlossenen Vollzug
Langzeitinhaftierte sind wiederum an dauerhaften Briefkontakten, Einzelbegleitungen, Gruppenangeboten, Besuchen usw. interessiert, weil ihre Beziehungen zu Angehörigen und Freunden im Laufe der Haftzeit abbrechen oder bereits lange abgebrochen sind. Für Inhaftierte im geschlossenen Strafvollzug kommen verschiedene Gruppenangebote in Frage. Inhaftierte, die kurz vor der Haftentlassung stehen, haben andere Wünsche als Kurzbestrafte. Da meistens weder die zeitlichen und personellen Kapazitäten der Justizvollzugsanstalten noch die der hauptamtlichen Mitarbeiter/innen der Freien Straffälligenhilfe oder der Bewährungshelfer/innen ausreichen, um die Haftentlassung ausreichend vorzubereiten, geschweige denn, darüber hinaus langfristig unterstützend zu wirken, werden Ehrenamtliche als zuverlässige Partner/innen gesucht.

Gefangene im offenen Vollzug
Im offenen Vollzug werden vor allem Angebote im Sport- und Freizeitbereich gesucht. Inhaftierte im offenen Vollzug gehen manchmal einer Arbeit im Freien Beschäftigungsverhältnis nach und/oder haben regelmäßig Urlaub. Ehrenamtliche werden manchmal als "Garanten" gesucht. Die Aktivitäten Ehrenamtlicher sind in diesem Bereich überwiegend in den Abendstunden/am Wochenende erwünscht. Auch der Wunsch nach Unterstützung bei der Vorbereitung der Haftentlassung oder bei der Stärkung der verbliebenen Kontakte nach "draußen" wird geäußert. Inhaftierte ohne persönliche Beziehungen außerhalb der Haftanstalt suchen wiederum gerade die intensive Einzelbegleitung, um neue dauerhafte Perspektiven für ein straffreies Leben zu entwickeln und wünschen sich von Ehrenamtlichen viel Kontinuität.

Inhaftierte Jugendliche
Junge Inhaftierte (meist männlich) werden durch die Haft extrem in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie suchen Freiraum, brauchen Bewegung, wollen sich messen. Angebote mit Musik, Sport, Basteln, Gesellschaftsspiele, jegliche Art von Freizeitgestaltung sind gefragt. Jugendliche in Untersuchungs- und Strafhaft kommen oft aus schwierigsten familiären Bezügen und suchen in ehrenamtlich tätigen Männern und Frauen, besonders im Rahmen von Einzelbegleitungen, Familienersatz.

Inhaftierte Frauen
Für Frauen bedeutet die Inhaftierung häufig eine traumatische Trennung von ihren Kindern, die vorübergehend oder auch längerfristig fremduntergebracht werden. Der Kontakt bricht oft über Wochen oder Monate ab, Pflegeeltern und Heime melden sich nicht oder nur zögerlich. Viele straffällig gewordene Frauen sind drogenabhängig und haben zudem Gewalt- und/oder sexuelle Missbrauchserfahrungen durch Männer zu verarbeiten. Dazu mangelt es häufig an sinnvoller Vollzugsplanung. Hier können die Lebenserfahrung und die Sensibilität ehrenamtlich tätiger Frauen angefragt sein. Diese können inhaftierten Frauen Trost spenden und sie parteilich ermutigen, neue Zukunftsstrategien zu entwickeln. Sie können auf Wunsch auch helfen, Kontakte zu Angehörigen wiederherzustellen.

Ausländische Inhaftierte
Der Anteil ausländischer Inhaftierter ist groß - viele ethnische Minderheiten müssen oft auf engstem Raum zusammenleben, in großen Gefängnissen sind es bis zu 60 Nationen, manchmal auch mehr. Viele Ausländer/innen befürchten zu Recht politische Verfolgung oder wirtschaftliches Elend in ihrem Herkunftsland und suchen Hilfe, die sie vor der Ausweisung schützt. Die meisten Ausländer/innen haben das große Bedürfnis - aber selten die Gelegenheit -, in ihrer Heimat- oder Muttersprache über ihre Probleme, über in ihrer Heimat zurückgebliebene Familien oder über für sie unverständliche Vorgänge im Gefängnis zu sprechen. Es besteht daher ein großer Bedarf an Übersetzungshilfen sowie Einzelgesprächen und Gesprächsgruppen.

Haftentlassene
Nicht erst nach langen Haftzeiten gehen straffällig gewordenen Menschen Wohnung und Arbeitsplatz verloren. Außerdem haben sich - sofern vorhanden - Familienangehörige und Freunde zurückgezogen. Haftentlassene wünschen sich oft Orientierungshilfe und Unterstützung bei der Erkundung ihres neuen Umfeldes, vorab brauchen sie praktische Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche sowie bei Behördengängen. Manchmal wird auch der Wunsch nach Hilfe bei der Wiederherstellung des Kontaktes zu Familienangehörigen signalisiert.

Angehörige Inhaftierter und Haftentlassener
Angehörige sind meist über Kontakte zu den Klienten und Klientinnen der Straffälligenhilfe erreichbar, aber auch in Selbsthilfegruppen. Ehrenamtliche, besonders diejenigen, die nicht im Gefängnis tätig werden wollen, können hier ihre Hilfe anbieten. Die Begleitung zum Gefängnisbesuch, Behördengänge, Hilfen bei der Existenzsicherung sind in manchen Fällen gefragt. Für manch eine/n Ehrenamtliche/n ergibt sich durch einen Kontakt zu Angehörigen eine Annäherung an das Gefängnis und seine Insassen.